Die Internationalisierung industrieller Anlagen, Softwarelösungen und Engineering-Projekte führt dazu, dass technische Inhalte mehrsprachig bereitgestellt werden müssen. Besonders im Umfeld der Automatisierungstechnik – beispielsweise bei Engineering-Workflows, HMI-Projekten oder Prozessvisualisierungen – ist Sprache nicht nur ein Kommunikationsmittel, sondern ein sicherheitsrelevanter Faktor. Bedienoberflächen, Alarmmeldungen und Prozessdiagramme müssen eindeutig und konsistent sein, um Fehlbedienungen und Missverständnisse zu vermeiden.
Künstliche Intelligenz (KI) wird heute verstärkt eingesetzt,
um Übersetzungsprozesse effizienter zu gestalten. Moderne
KI-Übersetzungssysteme können in kurzer Zeit große Textmengen verarbeiten und
liefern in vielen Fällen eine hohe sprachliche Qualität. Gleichzeitig zeigt
sich jedoch: Gerade bei Automatisierungs- und Prozessvisualisierungsprojekten
stößt KI häufig an Grenzen. Der Grund liegt in der typischen Struktur solcher
Inhalte – kurze Labels, technische Fachbegriffe und fehlender Kontext
erschweren eine korrekte Übersetzung erheblich.
Dieser Blogbeitrag beleuchtet die wichtigsten technischen Grundlagen moderner KI-Übersetzungssysteme, erklärt die Funktionsweise neuronaler Übersetzung und zeigt, warum eine Kombination aus KI und menschlicher Kontrolle im Automatisierungsumfeld unverzichtbar ist.
Arten von KI-Übersetzungssystemen
Maschinelle Übersetzungssysteme haben sich in den letzten
Jahrzehnten deutlich weiterentwickelt. Dabei lassen sich drei wesentliche
Generationen unterscheiden.
Die erste Generation waren regelbasierte Übersetzungssysteme (Rule-Based Machine Translation,
RBMT). Diese Systeme arbeiteten mit fest kodierten Grammatikregeln und
Wörterbüchern. Der Vorteil war eine nachvollziehbare Übersetzungslogik, der
Nachteil jedoch der enorme Pflegeaufwand. Fachbegriffe und Domänensprache
mussten manuell gepflegt werden, wodurch RBMT-Systeme in dynamischen
technischen Umgebungen kaum skalierbar waren.
Später etablierten sich statistische
Übersetzungssysteme (Statistical Machine Translation, SMT). Sie basierten
nicht mehr auf expliziten Regeln, sondern auf Wahrscheinlichkeiten: Aus großen
Mengen zweisprachiger Texte wurde gelernt, welche Wortfolgen in der Zielsprache
am wahrscheinlichsten sind. SMT lieferte häufig bessere Ergebnisse als RBMT, hatte
jedoch Schwierigkeiten bei komplexen Satzstrukturen und erzeugte oft
grammatikalisch oder stilistisch unnatürliche Übersetzungen.
Heute dominieren neuronale
Übersetzungssysteme (Neural Machine Translation, NMT). Diese Systeme nutzen
Deep Learning, um Übersetzungen kontextbezogen zu generieren. Statt einzelne
Wörter zu ersetzen, werden ganze Satzstrukturen modelliert. Dadurch wirken die
Ergebnisse deutlich natürlicher und konsistenter. Moderne Tools wie DeepL oder
Google Translate basieren auf dieser Technologie.
Für technische Dokumentationen oder Fließtexte liefert NMT in vielen Fällen sehr gute Ergebnisse. In Automatisierungsprojekten, insbesondere bei HMI-Texten oder Prozessdiagrammen, ist jedoch entscheidend, wie viel Kontext dem System zur Verfügung steht.
Wie funktioniert neuronale Übersetzung?
Neuronale Übersetzungssysteme basieren typischerweise auf
der Transformer-Architektur, die speziell für die Verarbeitung natürlicher
Sprache entwickelt wurde. Transformer-Modelle arbeiten nicht sequenziell wie
klassische RNNs, sondern können den gesamten Satz parallel analysieren. Das
ermöglicht eine deutlich bessere Verarbeitung komplexer Abhängigkeiten
innerhalb eines Satzes.
Der Übersetzungsprozess beginnt mit der Zerlegung des Textes
in sogenannte Tokens. Tokens sind meist Wörter oder Wortbestandteile.
Anschließend analysiert das Modell die Beziehungen dieser Tokens untereinander.
Eine zentrale Rolle spielt dabei der sogenannte Attention-Mechanismus: Er
erlaubt dem Modell, relevante Teile eines Satzes gezielt zu gewichten. Dadurch
kann das System beispielsweise erkennen, welche Begriffe zusammengehören oder
welche grammatikalischen Abhängigkeiten bestehen.
Auf Basis dieser Analyse generiert das Modell die
Übersetzung Token für Token. Dabei entstehen nicht nur direkte
Wortübersetzungen, sondern auch strukturelle Anpassungen: Wortstellung, Flexion
und sprachtypische Formulierungen werden automatisch berücksichtigt.
Wichtig ist jedoch: Auch wenn die Übersetzung natürlich wirkt, „versteht“ die KI Sprache nicht im menschlichen Sinne. Die Entscheidungen basieren auf Mustern und Wahrscheinlichkeiten, die aus Trainingsdaten gelernt wurden. Genau dieses Prinzip führt dazu, dass KI besonders stark von Kontext abhängt. Je weniger Kontext vorhanden ist, desto höher ist das Risiko von Fehlinterpretationen.
Kombination von KI und menschlicher Arbeit
In professionellen Übersetzungsprozessen wird KI selten als
vollständig autonomes System eingesetzt. Stattdessen hat sich ein hybrider
Ansatz etabliert, der KI mit etablierten Übersetzungswerkzeugen und
menschlicher Kontrolle kombiniert.
Ein zentraler Baustein ist das sogenannte Post-Editing.
Dabei wird eine KI-Übersetzung von einem Übersetzer oder Fachexperten überprüft
und korrigiert. Dieser Ansatz reduziert den Aufwand erheblich, da sich der
Mensch auf kritische Stellen konzentrieren kann, anstatt jede Übersetzung
vollständig neu zu erstellen.
Zusätzlich werden häufig zwei weitere Technologien genutzt:
Terminologie-Management
(Glossare): Eine Terminologie-Datenbank stellt sicher, dass definierte
Fachbegriffe konsistent übersetzt werden. Im Automatisierungsumfeld ist dies
entscheidend, da Begriffe wie „Quittieren“, „Freigabe“, „Störung“ oder
„Übersetzen“ in einer spezifischen Fachlogik verwendet werden.
Translation Memory
(TM): Ein Translation Memory speichert bereits geprüfte Übersetzungen und
schlägt sie bei ähnlichen Texten automatisch wieder vor. In
Automatisierungsprojekten, in denen sich Bedienoberflächen und Prozessschritte
stark wiederholen, erhöht TM die Konsistenz und reduziert die Übersetzungszeit.
Gerade in industriellen Projekten sind diese Komponenten
nicht nur Qualitätsfaktoren, sondern auch wirtschaftlich relevant:
Wiederholungen lassen sich effizient wiederverwenden, während neue Inhalte
kontrolliert ergänzt werden.
KI übersetzt isolierte Textfragmente ohne Prozesskontext: die zentrale Herausforderung
Während neuronale Übersetzungssysteme bei vollständigen
Sätzen sehr leistungsfähig sind, treten bei Prozessvisualisierungen und
Automatisierungssystemen häufig Probleme auf. Der Grund liegt in der typischen
Struktur dieser Inhalte.
HMI-Projekte oder Prozessdiagramme bestehen oft nicht aus
Fließtext, sondern aus sehr kurzen Labels oder Einzelbegriffen, zum Beispiel:
- „Anlage“
- „Laden“
- „Übersetzen“
- „Quittieren“
- „Störung“
- „Reset“
Solche Begriffe sind ohne Kontext mehrdeutig. Das Wort
„Anlage“ kann im Automatisierungsumfeld beispielsweise eine Produktionsanlage
(„Plant“), eine Maschine („Machine“) oder den Vorgang des Erstellens („Create“)
bedeuten. Ohne Zusatzinformationen entscheidet das KI-System anhand
statistischer Wahrscheinlichkeiten. Das Ergebnis ist dann möglicherweise
sprachlich korrekt, aber fachlich falsch.
Ein besonders typisches Beispiel ist der Begriff
„Übersetzen“ im SIMATIC TIA Portal. In der allgemeinen Sprache wäre „Translate“
naheliegend. Im Engineering-Kontext beschreibt der Begriff jedoch häufig den
Vorgang des Kompilierens, sodass „Compile“ die korrekte Übersetzung ist. Ohne
Domänenwissen und Kontext kann KI hier leicht Fehlübersetzungen erzeugen, die
in der Praxis zu Missverständnissen führen.
Dieses Problem ist bei WinCC Unified besonders relevant, da HMIs häufig sehr kurze Textelemente enthalten, die exakt auf die Bedienlogik abgestimmt sind. Ein falsch übersetzter Button oder Alarmtext kann im Betrieb schwerwiegende Folgen haben, weil Bediener Aktionen falsch interpretieren könnten.
Die Kernaussage lautet daher:
KI-Übersetzung ist stark kontextabhängig – Prozessvisualisierungen liefern jedoch oft nur isolierte Textfragmente.
Mögliche technische Ansätze zur Verbesserung der Übersetzungsqualität
Um KI-Übersetzungen in Automatisierungs- und
Prozessvisualisierungsprojekten zuverlässig einzusetzen, ist eine technische
Kontextanreicherung notwendig. Das bedeutet, dass Texte nicht isoliert
übersetzt werden, sondern zusammen mit strukturierten Metadaten.
Im SIMATIC WinCC Umfeld lassen sich beispielsweise folgende
Informationen als Kontext nutzen:
- Screen-Name (z. B. „AlarmOverview“)
- UI-Element-Typ (Button, Label, Tooltip)
- Control-Name und Property (z. B. Button.Text)
- Bindings zu PLC-Tags oder Funktionen
- Nachbartexte auf dem gleichen Screen
- Modul- oder Anlagenbezug (z. B. Motorsteuerung, Pumpenstation)
Aus diesen Informationen könnten Übersetzungssysteme
automatisch eine Kontextbeschreibung generieren, beispielsweise:
„HMI-Button in SIMATIC WinCC: Quittieren eines Alarms.“
Dadurch kann die KI die korrekte Übersetzung „Acknowledge“
wählen, anstatt unpassende Varianten wie „Confirm“ oder „Approve“ zu erzeugen.
Zusätzlich sollten automatische Qualitätsprüfungen (Quality
Gates) integriert werden. Dazu gehören insbesondere:
- Längenprüfungen für UI-Elemente (Buttons und Tabs haben begrenzten Platz)
- Erhalt von Platzhaltern und Variablen ({0}, ${Tag}, etc.)
- Konsistenzprüfungen innerhalb eines Projekts
- Glossar-Validierung, um Terminologie zu erzwingen
- Risikobewertung: kurze oder mehrdeutige Begriffe werden automatisch zur manuellen Prüfung markiert
Durch diesen Ansatz wird KI nicht als „Black Box Übersetzer“ eingesetzt, sondern als Teil eines kontrollierten technischen Workflows.
Fazit
KI wird in Übersetzungsprozessen heute vor allem über
neuronale Übersetzungssysteme eingesetzt, die auf Deep Learning und
Transformer-Architekturen basieren. Diese Systeme liefern bei Fließtexten eine
hohe Qualität und ermöglichen eine schnelle Skalierung mehrsprachiger Inhalte.
In Automatisierungs- und Prozessvisualisierungsprojekten
treten jedoch besondere Herausforderungen auf: Die Texte sind häufig kurz,
technisch geprägt und ohne Kontext mehrdeutig. KI-Systeme treffen in solchen
Fällen probabilistische Entscheidungen, wodurch Fehlübersetzungen entstehen,
die in industriellen Umgebungen kritisch sind.
Die zuverlässigste Lösung besteht daher in einem hybriden
Ansatz. KI-Übersetzung wird mit Terminologie-Management, Translation Memory,
Kontextanreicherung und menschlichem Post-Editing kombiniert. So kann KI im
Automatisierungsumfeld effizient eingesetzt werden, ohne die notwendige
technische Präzision und Sicherheit zu gefährden.
Damit wird KI nicht zum Ersatz menschlicher Übersetzer,
sondern zu einem leistungsfähigen Werkzeug, das Übersetzungsprozesse
beschleunigt, standardisiert und langfristig qualitativ verbessert –
insbesondere in komplexen technischen Umgebungen wie der industriellen
Automatisierung und Prozessvisualisierung.